Waldkaffee auf Umwegen: Äthiopien, China und die EUDR

Vor zwei Jahren lag China unter den Abnehmern äthiopischen Kaffees noch auf Rang sieben, mit gut 12 000 Tonnen. Im eben abgeschlossenen Geschäftsjahr waren es fast 48 000 Tonnen im Wert von 347 Millionen US-Dollar. Die äthiopische Kaffeebehörde hofft, dass China in zwei Jahren zum grössten Käufer des Landes wird. Diese Verschiebung fällt genau in die Monate, in denen Europa die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) in Kraft setzt. Das Timing ist aufschlussreich, denn es zeigt, bei wem die Last des Nachweises am Ende landet.

Ein Rekordjahr mit neuer Richtung

Mit Kaffee erwirtschaftete Äthiopien im Geschäftsjahr 2025/26 Rekorddevisen von 3 Milliarden US-Dollar, wie die Wirtschaftszeitung Capital aus Addis Abeba am 27. September berichtete. Rund 20 Millionen Menschen leben vom Sektor, über fünf Millionen Kleinbauern bauen Kaffee an.

Chinas Aufstieg verlief rasant: Innerhalb eines Jahres stiegen die Mengen um rund 40 % von 34 284 auf 47 836 Tonnen, der Wert sogar um rund 58 %. Insgesamt liefert Äthiopien inzwischen in 84 Länder, 20 davon kamen im letzten Jahr neu dazu. Saudi-Arabien und Deutschland zählen weiterhin zu den wichtigsten Abnehmern, und Europa als Region nimmt nach wie vor rund 30 % der Exporte ab.

Ein Teil der Erklärung ist schlicht die Nachfrage: In China wird immer mehr Kaffee getrunken. Doch die Exporteure haben auch Brüssel im Blick.

Was die EUDR von Kleinbauern verlangt

Ab dem 30. Dezember 2026 müssen grosse und mittlere Unternehmen, die Kaffee in der EU in Verkehr bringen, belegen, dass er nicht auf Flächen gewachsen ist, die nach dem 31. Dezember 2020 entwaldet wurden. Kleinst- und Kleinunternehmen folgen am 30. Juni 2027. Verlangt werden Sorgfaltserklärungen mit den Geodaten jeder einzelnen Anbauparzelle.

Für eine Plantage mit klaren Grenzen ist das Büroarbeit. Für Äthiopien ist es eine Mammutaufgabe. Laut Capital wird ein grosser Teil des Kaffees über informelle Kanäle gehandelt. Viele Bauern haben weder Verkaufsbelege noch digitale Hilfsmittel oder genaue Landdokumente, und vorhandene Daten liegen verstreut bei Behörden, Kooperativen, Händlern und Exporteuren. Manche Bauern zögern zudem, GPS-Koordinaten herauszugeben, weil sie Folgen für ihre Landrechte oder Streit um Besitzverhältnisse befürchten.

Äthiopien hat reagiert. Ende März wurde das nationale Rückverfolgungssystem ECTMS (Ethiopian Coffee Traceability and Management System) technisch übergeben, entwickelt mit Unterstützung der deutschen Entwicklungsagentur GIZ. Eine App erfasst die Geodaten auf Betriebsebene, das System verfolgt den Kaffee von der Farm über Waschstation und Lager bis zum Export und enthält eine Bewertung des Entwaldungsrisikos. Trotzdem braucht es Zeit, Millionen von Garten- und Waldparzellen zu kartieren, und manche Exporteure weichen auf Märkte mit weniger Auflagen aus.

Das Paradox des Waldkaffees

Genau hier wird es unbequem. Ein grosser Teil des äthiopischen Kaffees ist genau jener Kaffee, den die EUDR schützen will. Seit seiner Entdeckung wächst Arabica dort im Schatten von Bäumen. Waldkaffee-Systeme behalten mehr als 60 % des Kronendachs, halbnatürliche Systeme zwischen 40 und 60 %. Der Kaffee wächst unter den heimischen Bäumen, nicht an ihrer Stelle.

Ein Gesetz gegen die Rodung von Wäldern könnte also ausgerechnet einige der waldfreundlichsten Kaffees der Welt von Europa fernhalten, weil Kleinbauern kaum nachweisen können, was sie längst tun. Das spricht nicht gegen die Verordnung. Entwaldungsfreie Lieferketten sind wichtig, und Europa verlangt zu Recht Belege. Aber die Kosten dieser Belege sollten nicht vor allem an jenen hängen bleiben, die sie am wenigsten tragen können.

Was das für Einkäufer in der Schweiz heisst

Die Schweiz ist nicht in der EU, doch ihr Kaffeehandel ist eng mit ihr verflochten. Für Cafés, Hotels und Büros ergeben sich drei konkrete Fragen:

  • Kann Ihr Lieferant die Region und idealerweise die Gemeinschaft nennen, aus der Ihr Kaffee stammt?
  • Ist die Kette kurz genug, dass jemand diese Frage verlässlich beantworten kann?
  • Lässt der Preis, den Sie zahlen, den Bauern Spielraum, in Rückverfolgbarkeit zu investieren, statt sie allein dafür zahlen zu lassen?

Wer diese Fragen stellt, sorgt mit dafür, dass Waldkaffee weiterhin den Weg nach Europa findet. Wer es nicht tut, merkt vielleicht erst spät, dass die besonderen Kaffees still und leise anderswohin gehen.

Kaffee, der den Wald braucht

Unser Kaffee stammt aus Kaffa im Südwesten Äthiopiens, dem Wald, in dem der Arabica seinen Ursprung hat und der seit 2010 UNESCO-Biosphärenreservat ist. Er wächst im Schatten des natürlichen Kronendachs. Er braucht den Wald, und der Wald prägt seinen Charakter. Solcher Kaffee wird angebaut, nicht hergestellt.

Wir kaufen direkt ein. Der Weg vom Wald in die Tasse ist kurz, und jede Station hat einen Namen. Genau diese Klarheit wird die EUDR bald von jedem europäischen Importeur verlangen. Wir halten das für die richtige Richtung, sofern die Arbeit dafür fair entlang der Kette verteilt wird und nicht allein bei den Bauern liegt, die den Wald erhalten.

Quellen

Betreiben Sie ein Café, ein Hotel oder ein Büro in der Schweiz? Fragen Sie uns, woher Ihr Kaffee kommt. Wir zeigen es Ihnen, bis hin zum Wald.

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