Kaffeerost: Warme Nächte zählen mehr als Regen
Fragt man, was Pflanzenkrankheiten antreibt, lautet die Antwort meist: Regen. Beim Kaffeerost, der gefährlichsten Krankheit des Arabica, zeigt eine zehnjährige Datenreihe aus Südindien in eine andere Richtung. Entscheidend sind die Temperatur in der Nacht und die Trockenheit der Luft. Die Studie erschien in der Fachzeitschrift Frontiers in Climate und wurde am 29. September von Global Agriculture aufgegriffen. Sie stammt vom Central Coffee Research Institute (CCRI) in Chikkamagaluru im Bundesstaat Karnataka. Für Sie als Einkäuferin, Röster oder Gastronom zeigt sie, wie der Klimawandel die Risiken hinter einem Kaffeevertrag verschiebt.
Zehn Jahre, alle zwei Wochen gemessen
Das Team um Santoshreddy Machenahalli erfasste von der Saison 2015/16 bis 2024/25 alle zwei Wochen den Rostbefall der Arabica-Sorte Sln.3, die als besonders anfällig gilt. Die Werte wurden mit täglichen Messungen von Höchst- und Tiefsttemperatur, Luftfeuchtigkeit und Niederschlag einer Wetterstation auf dem Institutsgelände abgeglichen.
Jedes Jahr zeigte sich dasselbe Muster. Im April blieb der Befall tief, während des Monsuns von Juli bis September baute er sich auf und danach beschleunigte er sich. Der höchste Durchschnittswert, 32,54 Prozent befallene Blätter, fiel in die erste Januarhälfte. Knapp dahinter lag die zweite Dezemberhälfte mit 32,06 Prozent. Am schlimmsten war die Saison 2016/17 mit über 70 Prozent Befall in den Spitzenmonaten. In den Saisons 2022/23 und 2024/25 war der Krankheitsdruck dagegen vergleichsweise gering. Unbehandelt kann Kaffeerost laut den Autoren bis zu 30 Prozent der Arabica-Ernte kosten.
Warme Nächte, trockene Luft
Beim Vergleich von Wetter und Befall stach die Tiefsttemperatur heraus. Sie korrelierte stark mit dem Rostbefall (r = 0,80). Die Tageshöchsttemperatur hatte keinen signifikanten Einfluss, die relative Luftfeuchtigkeit für sich allein nur einen schwachen, nicht signifikanten. Der Niederschlag hing zwei Wochen später mässig negativ mit dem Befall zusammen. Starker Regen könnte also einen Teil der Sporen abwaschen.
Am besten sagte das Dampfdruckdefizit (VPD) den Befall voraus, ein Mass dafür, wie weit die Luft von der Sättigung entfernt ist. Ein Modell mit Tiefsttemperatur und VPD der vorangegangenen zwei Wochen erklärte den Befall mit einem bereinigten R² von 0,99 und schnitt besser ab als ein Modell mit Luftfeuchtigkeit. Die Verzögerung bildet die Latenzzeit des Pilzes ab: Die Infektion geschieht Tage, bevor die orangen Flecken sichtbar werden.
Für Farmbetriebe ist das konkret nutzbar. Eine Prognose auf Basis von Nachttemperatur und VPD sagt ihnen, wann sie handeln müssen, bevor Symptome auftreten. Gerade in der Zeit nach dem Monsun, wenn es kaum noch regnet, würde eine reine Regenwarnung das Risiko unterschätzen, denn genau dann erreicht der Befall seinen Höhepunkt.
Neue Krankheiten im Kommen
Die Studie dokumentiert zudem drei Pilzerreger, die früher kaum eine Rolle spielten und im indischen Kaffeeanbau nun häufiger auftreten: Paramyrothecium roridum, Neopestalotiopsis clavispora und Agroathelia rolfsii. Die Autoren führen das auf unregelmässige, heftige Regenfälle zurück, die das Blätterdach lange nass halten. Das begünstigt auch Schwarzfäule, Stielfäule und Beerenkrankheiten. Die Ertragsverluste durch diese Fäulniskrankheiten beziffern sie auf 15 bis 20 Prozent und fordern ein Krankheitsmanagement, das auf das Klima reagiert.
Was das über Indien hinaus bedeutet
Die Studie beruht auf einer einzigen Forschungsstation und einer anfälligen Sorte. Ihre Zahlen lassen sich nicht einfach auf andere Regionen übertragen. Die Richtung verdient trotzdem Beachtung, denn auch anderswo werden die Nächte wärmer. Eine CMIP6-Klimastudie zu den Kaffeezonen im Südwesten und Westen Äthiopiens, am 16. September in Theoretical and Applied Climatology erschienen, erwartet, dass die Tiefsttemperaturen schneller steigen als die Höchstwerte. In einem mittleren Szenario klettern die nächtlichen Tiefstwerte bis zur Jahrhundertmitte um 1,26 °C. Die Autoren warnen vor mehr nächtlichem Hitzestress und empfehlen hitzetolerante Sorten, Boden- und Wasserschutz sowie Agroforstsysteme mit Schatten.
Ob wärmere Nächte in Äthiopien mehr Rost bringen, wurde nicht untersucht. Die indischen Daten zeigen aber, dass das Risiko von Details wie Nachttemperatur und Lufttrockenheit abhängt, die in Jahresmittelwerten verschwinden. Für Einkäufer hängt das Versorgungsrisiko damit ebenso am Mikroklima rund um die Pflanze wie am Wetterbericht.
Unser Kaffee bei Desta's wächst unter dem Blätterdach des Kaffa-Waldes. Eine im September in Ambio veröffentlichte Studie aus dem Ursprungsgebiet des Arabica beschreibt die dortigen Kaffeesysteme als weitgehend frei von Fungiziden und beschattet von vielen einheimischen Baumarten. Schatten verändert das Mikroklima um jede Pflanze, und die neue Studie zeigt, wie stark dieses Mikroklima zählt. Wir können nicht versprechen, dass Waldkaffee dem Klimawandel entgeht. Wir können aber weiter bei den Menschen einkaufen, die diese Bäume pflegen, damit der Wald stehen bleibt.
Sources
- Machenahalli S. et al., 'Climatic drivers of coffee disease dynamics: insights from a decadal study on Hemileia vastatrix and emerging fungal pathogens in southern India', Frontiers in Climate 8 (2026), DOI 10.3389/fclim.2026.1740651:
- Global Agriculture, '10-Year Study Reveals What Really Triggers Coffee Leaf Rust in India', 29 Sep 2026:
- 'Projected changes in precipitation and temperature for Ethiopian coffee growing regions using CMIP6 multi-model ensembles', Theoretical and Applied Climatology, 16 Sep 2026: