Äthiopien will Arabica-Weltmeister werden. Was heisst das für Sie?
Äthiopien hat der Welt den Arabica geschenkt. Nun will die Regierung auch bei der Menge an der Spitze stehen. Ende September berichtete der staatliche Sender EBC, Premierminister Abiy Ahmed habe erklärt, Äthiopien als Ursprungsland des Arabica solle auch sein grösster Produzent werden. Dafür will das Land Investitionen in moderne Bewässerung und Verarbeitung anziehen. Auf einigen Farmen wird bereits maschinell geerntet. Für Café-Betreiberinnen, Einkäufer in Hotellerie und Gastronomie und alle, die in der Schweiz Kaffee beschaffen, stellt sich damit eine praktische Frage: Was passiert mit dem äthiopischen Kaffee, den Sie kennen und schätzen, mit den vielschichtigen Waldkaffees und Kleinbauern-Lots, wenn das Land auf Menge setzt?
Ein Rekordjahr als Rückenwind
Das Selbstbewusstsein hat Gründe. Im Fiskaljahr 2025/26 nahm Äthiopien mit Kaffeeexporten rund 3 Milliarden US-Dollar ein, ein Rekord und fast 50 Prozent mehr als im Vorjahr, wie Zahlen der Afreximbank zeigen. Das Landwirtschaftsministerium spricht sogar von über 3,1 Milliarden. Rund 20 Millionen Menschen in Äthiopien leben vom Kaffee.
Auch die Mengen steigen. Das US-Landwirtschaftsministerium USDA rechnet für 2026/27 mit einer Ernte von 12,1 Millionen Sack à 60 Kilo, nach geschätzten 11,56 Millionen im Jahr 2025/26. Zudem hat die Regierung 100'000 Hektaren für private Kaffeeprojekte reserviert. Zum ersten Mal werden damit grosse Flächen ausschliesslich für modernen Kaffeeanbau bereitgestellt. Voll erschlossen würde das die Fläche kommerzieller Farmen laut USDA um rund 70 Prozent vergrössern.
Zwei Kaffeewelten nebeneinander
Es entsteht ein Sektor mit zwei Spuren. Auf der einen stehen bewässerte, mechanisierte Farmen mit verbesserten Sorten, ausgelegt auf Menge. Auf der anderen das System, für das Äthiopien bekannt ist: Millionen von Kleinbauernfamilien und Waldkaffee unter einheimischen Schattenbäumen. Eine diesen Monat in der Fachzeitschrift Ambio veröffentlichte Studie hält fest, dass selbst die bewirtschafteten Plantagen im Südwesten Äthiopiens ohne oder mit sehr wenig Pestiziden und Fungiziden auskommen und eine grosse Vielfalt einheimischer Schattenbäume nutzen.
Auch diese zweite Spur gewinnt an Wert. Mitte September wurde ein Kilo Guji-Kaffee an einer Online-Auktion für 2'376 US-Dollar verkauft, laut der äthiopischen Kaffee- und Teebehörde der höchste je erzielte Preis für äthiopischen Kaffee. Das ist ein extremer Ausreisser, zeigt aber, was der Spezialitätenmarkt für aussergewöhnliche äthiopische Lots zu zahlen bereit ist.
Das Timing: Der Markt dreht Richtung Überschuss
Der Vorstoss kommt in einem Moment, in dem sich der Weltmarkt wendet. Nach vier Saisons mit globalen Defiziten erwartet die Afreximbank für 2026/27 eine Weltproduktion von 189,7 Millionen Sack, 6,1 Prozent mehr als im Vorjahr, vor allem dank der brasilianischen Arabica-Ernte. Tiefe Lagerbestände und Wetterrisiken dürften laut der Bank allerdings dafür sorgen, dass die Preise nicht sofort und nicht überall sinken.
In einem besser versorgten Markt bringt zusätzliche Menge allein weniger Aufpreis. Qualität, Rückverfolgbarkeit und ein klarer Ursprung zählen beim Preis stärker. Davon profitieren Herkünfte und Produzenten, die zeigen können, wo und wie ein Kaffee gewachsen ist.
Was das für Einkäufer in der Schweiz bedeutet
Wenn Sie Kaffee für ein Café, ein Hotel oder ein Büro einkaufen, steht «Äthiopien» auf dem Etikett heute für alles, vom wild wachsenden Waldkaffee bis zur bewässerten Plantage. Es lohnt sich, beim Lieferanten nachzufragen, aus welchem System ein Kaffee stammt und ob er die Region, im besten Fall sogar die Gemeinschaft oder Farm, nennen kann.
Ebenso lohnt sich die Frage, wie der Preis zustande kommt. Langfristige Direktbeziehungen mit Preisen, die mit den Produzenten vereinbart werden, können weniger stark von den Schwankungen an der Terminbörse abhängen als Spotkäufe. In einem Jahr mit starken Ausschlägen beim Arabica-Preis hilft diese Stabilität bei der Kalkulation Ihrer Karte genauso wie den Bauernfamilien.
Das heisst nicht, dass die Modernisierung falsch ist. Höhere Erträge und bessere Verarbeitung können die Einkommen auf den Farmen steigern, und Äthiopien hat allen Grund, auf einem Rekordjahr aufzubauen. Die Frage für Einkäufer ist, ob sie beide Spuren unterstützen wollen oder nur jene, die sich am leichtesten skalieren lässt.
Unser Blick aus Kaffa
Bei Desta's Coffee beziehen wir unseren Kaffee aus dem Kaffa-Wald im Südwesten Äthiopiens, wo Arabica von Natur aus unter einheimischen Bäumen wächst. Wir begrüssen Investitionen, die äthiopischen Bäuerinnen und Bauern mehr Einkommen bringen. Gleichzeitig finden wir, dass Waldkaffee seinen Platz neben den neuen Plantagen verdient: Er hält die Bäume stehen und bringt eine Tasse mit ganz eigenem Charakter hervor. Unser Kaffee wird angebaut, nicht hergestellt.
Möchten Sie Kaffa-Waldkaffee mit Ihrem Team verkosten oder über die Beschaffung für Ihren Betrieb sprechen? Wir freuen uns auf Ihre Nachricht.